Am Wochenende ist meine Schwester aus dem Flugzeug gesprungen. Das reinste Déjà-vu! Denn vor ziemlich genau vier Jahren hatte ich mir selbst schon mal einen Fallschirm auf den Rücken geschnallt.  Grund genug, meine damalige Fallschirmsprung-Reportage  wieder aus den Tiefen meiner externen Festplatte zu kramen und mit euch zu teilen. Denn wer weiß? Vielleicht spürt der ein oder andere von euch ja beim Lesen das gewisse Kribbeln. Zu meiner Schwester ist der Funke schließlich schon übergesprungen – auch wenn sie sich jetzt erst Jahre später getraut hat. Und soviel sei gesagt: Ihr Grinsen, kaum dass sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, hätte nicht breiter sein können… 😉

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„Ich fliege!“ – Mein Tandemsprung aus 4.000 Metern Höhe

Eggenfelden – „Servus, ich bin der Tom. Wies aussieht, springen wir heut miteinander“. Ein gertenschlanker Mann Ende 30 grinst mich schelmisch an und streckt mir seinen Arm zum Handschlag entgegen. Genau wie ich trägt er einen schwarzen Sprunganzug mit roten Streifen an Armen und seitlich der Beine. Ebenso gut lesbar der Schriftzug ‚Exit’. Dies ist der Name des Sprungvereins am Flugplatz Zeinach in Eggenfelden, wo ich etwa vor einer Stunde angekommen war. Nachdem ich bestätigt hatte, dass ich keine Herzkrankheiten habe, während der letzten Woche nicht Blutspenden war, in den letzten 12 Stunden keinen Alkohol getrunken habe und auch nicht schwanger bin, wurde ich mit Anzug, Mütze, Brille und Geschirr ausgerüstet. Daraufhin folgte eine kurze Einführung, in der mir zusammen mit zwei weiteren Mutigen kurz der Sprungablauf erklärt wurde. „Das alles, was ich euch jetzt erzähle, ist gut zu wissen, aber wir werden das eh noch mal immer kurz vorher sagen. Merken müsst ihr euch nur die Haltung für den freien Fall, da es da wegen der Lautstärke schwierig sein wird, sich zu unterhalten“ erläuterte uns einer der Tandemmaster, der seinen Schirm mit Rudi, einem 72jährigen, aber noch sehr energiegeladenen Rentner, teilen wird. Diese Haltung ist nicht schwer zu merken: Hohlkreuz, Fersen zum Gesäß, Arme angewinkelt links und rechts vom Körper strecken. Soweit die Theorie.

Drei Fallschirme

Mein Tandemmaster und zugleich Chef des Sprungbetriebes Tom führt mich zu einem kleinen Flugzeug mit roter Nase und blauem Rumpf.  „Ganz schöner Wind hier!“ höre ich Emily rufen, die Dritte im Bunde. Zu sechst quetschen wir uns in die Maschine, jeder von uns Anfängern zwischen den Beinen seines Partners. Direkt neben mir der Pilot. ‚Bitte unbedingt anschnallen!’ steht auf einem Schild, das im Inneren des Flugzeuges angebracht ist. Stirnrunzelnd schaue ich mich am Boden sitzend um. Emilys Partner, der sich vor mir niedergelassen hatte, schließt die Tür, oder besser gesagt, lässt die Plane herunter, eine Tür gibt es nicht. Mein linker Fuß hängt halb im Freien. „Reiten ist ein viel gefährlicherer Sport als Fallschirmspringen. Es kann praktisch nichts passieren.“ Na, er muss es ja wissen. Tom macht um die 7 – 10 Sprünge pro Tag, „je mehr, desto besser“, findet er.

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Beim Abheben der Maschine in den hellblau strahlenden Himmel wird mir dennoch etwas flau im Magen. Aus dem Fenster sehe ich die Welt immer kleiner werden. Tom hinter mir deutet aus dem Fenster auf eine helle Säule. „Das ist das Atomkraftwerk von Landshut. Und da hinten siehst du die Alpen. Schade, dass es heute so diesig ist. Bei optimalem Wetter sieht man über 400 Kilometer weit.“ Die Aussicht ist auch so schon atemberaubend und meine Nervosität legt sich schnell wieder. Auch Tom bestätigt meinen Eindruck vom Fliegen: „Es gibt nichts Schöneres auf dieser Welt.“ Doch nach zehn Minuten wird es langsam ernst. Hinter mir vernehme ich ein lautes „eins“. Daraufhin werde ich leicht angehoben und ich setze mich auf den Schoß meines Tandemmasters. Die anderen tun es uns nach und wir werden mit unserem jeweiligen Sprungpartner an insgesamt vier Haken zusammengeschnallt. Auf „zwei“ sollen wir nun unsere Mützen und Brillen aufsetzen. Daraufhin noch mal ein paar kurze Anweisungen zum Sprung: „Hände an die Gurte, beim Absprung Kopf in den Nacken und nicht aufs Trittbrett steigen!“ Bei „drei“ wird die Plane hochgezogen. Ich merke wie uns kalter Wind entgegen peitscht, doch ich bin viel zu adrenalingeladen um die Kälte wirklich zu spüren. „Und go!“ Das war das Stichwort. Jetzt geht es los.

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Emily dreht sich gemeinsam mit ihrem Profi- Springer Richtung Ausgang. Und schwupps, schon ist sie weg, binnen einer zehntel Sekunde nicht mehr zu sehen. Das Gleiche bei Rudi. Ich bin die Letzte. „Bereit?“, ich nicke. „Na, dann wünsch ich dir viel Spaß.“ Ich versuche unerschrocken zu wirken, aber bringe nur ein zittriges „jaja, dir auch“ hervor. Dennoch rutsche ich entschlossen zur Tür. Es gibt kein zurück mehr. Am Abgrund sitzend höre ich Toms Stimme an meinem Ohr: „Darfst übrigens ruhig schreien, ich steh drauf, wenn die Mädels schreien!“ An seinem Tonfall höre ich, dass er dabei frech grinst und versuche mich zu entspannen. Einen Wimpernschlag später stürzen wir uns kopfüber aus dem Flugzeug und ich erfülle ihm seinen Wunsch prompt. Um mich herum dreht sich alles, für einen Moment weiß ich nicht mehr, wo oben und wo unten ist, doch schon zwei Sekunden später liegen wir flach in der Luft, Oberschenkel und Waden bilden einen perfekten 90 Grad Winkel. Ich spüre eine Berührung an meiner Schulter, dass ist mein Zeichen, meinen Gurt loszulassen und meine Arme von mir zu strecken. Der Wind drückt gegen meinen Körper, mittlerweile haben wir unsere Fallgeschwindigkeit von etwa 200 Stundenkilometern erreicht. Ich versuche mich zu orientieren, wo ist der Start- und Landeplatz, wo steht meine Familie, die es sich selbstverständlich nicht nehmen ließ, mir bei meiner Todesmut zuzuschauen. Vermutlich starren sie gerade allesamt gebannt in den Himmel. Ob sie mich schon erkennen können? Ich jedenfalls sehe nichts als die unendliche Weite der Felder und der Natur. Die Dörfer unter mir werden immer größer, bis ich irgendwann ein erneutes Tippen an meiner Schulter spüre. Ich soll die Arme jetzt vor meiner Brust verschränken. Leichter gesagt, als getan. Ich presse meine Arme mit aller Kraft gegen den Wind. ‚Oh Gott, ich bin zu schwach’ und ‚ich sollte in Zukunft ins Fitnessstudio gehen’. Diese Gedanken schießen mir durch den Kopf, als ich Toms Arme über meinen fühle um mich beim Drücken zu unterstützen. Mit vereinten Kräften besiegen wir den Gegenwind. Daraufhin sehe ich aus den Augenwinkeln, wie hinter mir die Leine gezogen wird und kneife die Augen zusammen.

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Aus einem Erfahrungsbericht hatte ich gelesen, dass der Ruck, der entsteht, wenn der Fallschirm die Fallgeschwindigkeit plötzlich stark reduziert, etwas schmerzhaft sein kann. Also bin ich gefasst. In der Tat werde ich einen Augenblick später nach oben gerissen, doch weh tut es nicht. Erleichtert öffne ich die Augen. „Na, alles klar? Geht’s dir gut?“ Da der Wind jetzt nicht mehr allzu stark gegen das Gesicht peitscht, vernehme ich Toms Stimme klar und deutlich. „Ja!“ rufe ich und atme tief durch. Nach 50 Sekunden freien Falls, in denen wir um die 2500 Höhenmeter hinter uns gebracht haben, befinden wir uns jetzt nur noch auf einer Höhe von 1500 Metern über dem Boden. „So, jetzt entspann dich, nimm die Arme runter und schau dich um. Dort drüben sind die anderen, siehst du?“ Tatsächlich erblicke ich links von mir einen rot- gelb gestreiften Schirm, kann aber nicht erkennen, zu welchem meiner Mitspringer er gehört. Auf einem Feld unter mir geht ein Bauer seinen Pflichten nach. Ich fühle mich vollkommen leicht und frei wie ein Vogel. Dann streckt mir Tom die Schlaufen des Fallschirms entgegen. „Nimm sie ruhig mal, dann kannst du selber lenken.“ ‚Was, ich?’ denke ich mir, aber lasse mich dennoch nicht zweimal bitten. Als ich sie fest in meinen Händen halte, lässt der Profi los. Mein Herz schlägt bis zum Hals. ‚Ich fliege!’

Fallschirm Fliegen

Als ich mich an meine Situation als Steuermann gewohnt habe, werde ich angewiesen, mal an der rechten Schlaufe anzuziehen. Da ich etwas zögerlich reagiere, geht mir Tom erneut zur Hand und hilft mir dabei. Daraufhin fliegen wir einen engen Kreis. Erneut strömt das Adrenalin durch meine Blutbahnen. Die wildesten Achterbahnen auf der Kirmes, kommen nicht annähernd an dieses Gefühl des Fliegens heran. Als wir uns immer weiter dem Boden nähern, übernimmt Tom wieder die Führung und steuert die Landefläche an. Kurz bevor wir unten ankommen, gibt er mir das Zeichen meine Beine nach vorne auszustrecken, das sei meine Landeposition. Kurze Zeit später schlittere ich also auf meinem Po durch das Gras und grinse dabei wie ein Honigkuchenpferd. „Und, Spaß gehabt?“ fragt mich mein Tandemmaster beim Lösen unserer Verbindungshaken. „Oh ja, das war der Wahnsinn!“ bestätige ich ihm freudestrahlend. Wirklich ein unbeschreibliches Erlebnis. Auch später im Bett liege ich noch lange wach und träume vom Fliegen.

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